Eine intermediale Literaturkritik von Benoît Kuhn
Die deutsche Autorin Birgit Weyhe (1969 geboren) ist für ihre Graphic Novels sehr berühmt. Ihre Werke kommen wie Biografien vor, in denen die Themen von Identität und Heimat ständig wiederkehren. Wie Birgit Weyhe selbst zögern oft ihre Figuren zwischen Heimatland und Einwanderungsland und setzen sich mit beiden Kulturen auseinander. In diesem Comicbuchpreis erhaltenden Buch Madgermanes (2015) ist die Rede von drei ehemaligen mosambikanischen Vertragsarbeitern in der DDR in den achtziger Jahren. Die drei waren im Leben verbunden, aber jede Figur erzählt jetzt ihre Version davon, was ihnen in diesen Jahren passiert ist. Es gibt wirklich drei verschiedene Berichte über ihr gemeinsames Los, jeder mit seinem eigenen Standpunkt.
Text und Bilder ergänzen sich hier einander, um Gefühle und Empfindungen der sprechenden Figur zu übertragen. Die Ich-Erzählung wird durch den Off-Text getragen, die Sprechblasen werden für Dialoge benutzt und drücken meistens die Worte der Nebenfiguren aus. Der wichtigste Teil aber gehört natürlich den Bildern: sie zeigen, unterstreichen sogar die Ereignisse im Leben der Figuren. Der Stil besteht deswegen in einem stilisierten Realismus, hauptsächlich in schwarz gezeichnet mit kakifarben dazu, welches den Hintergrund ergänzt und auch die Hautfarbe der Mosambikaner andeutet.
Dann und wann wandelt sich doch der Ton der Bilder: wenn es um Gefühle geht, verzichten die Bilder auf Realismus. Birgit Weyhe zeichnet da traumhaft, fiebrig, sogar expressionistisch, um Gefühle und Empfindungen auszudrücken: Liebe (S. 72 und 79), Angst (S. 34 und 54), Leid (S. 202), Bewunderung (S. 147), Verzweiflung (S. 207), usw. Das Zeichen überholt dann seine transkulturell-kritische Funktion, gewinnt an Ästhetik, aber eine, die durch afrikanische Influenzen geprägt wird.
Intermediale Bilder und Textelemente bringen den historischen und gesellschaftlichen Kontext voraus. Birgit Weyhe benutzt dafür Briefmarken (sehr oft: S. 25, 70, 83, 104, 121, 168, 191), Buchumschläge (S. 66, 67, 175, 189, 221), Flyer (S. 84, 95, 107, 123, 130, 131, 188), politische oder Kinoplakate (S. 68, 173, 179), ein paar Fotos (S. 42, 110) und nur einen einzigen aber wichtigen Brief (S. 192-193). Also viele Appellative und Inserts, und dazu ein paar Symbole und Kontaktexte.
Bilder und Texte verknüpfen sich zum Dienst der Geschichte. Und die Bilder hier folgen sich nicht in einer Reihe wie in einem regelmäßigen Comicbuch, sie hüpfen kinematisch weise vom Gegenstand zu Person und zurück. Das Ergebnis ist sehr eindrucksvoll, lässt die/den Leser.in nie in Ruhe, eher in Bewunderung und Nachdenken. Birgit Weyhe zeigt uns da, was für eine Last Menschen in solchen schwierigen Umständen tragen müssen. Sehr gut! Vor allem die Beschreibungen des literarischen und bildlichen Stils. Auch die Struktur ist in Ordnung.
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