Eine intermediale Literaturkritik von Alexis Pelletier
In der 2018 erschienen Graphic Novel German Calender No December erzählen die nigerianische Autorin Sylvia Ofili und die deutsche Zeichnerin Birgit Weyhe die Geschichte einer jungen nigerianischen Frau namens Olivia, die ihr kleines Dorf und ihre Familie zurücklässt, um in einem Internat in der Hauptstadt Lagos zu studieren. Was sie sich als ein wunderbares Abenteuer vorgestellt hatte, erweist sich jedoch als ein schrecklicher Ort der Unterdrückung, ein System, das sie nicht annehmen will. Als sie ein paar Jahre nach dem Internat nach Deutschland fliegt, um ihr Studium fortzusetzen, geschieht etwas Ähnliches, denn sie ist immer noch von dieser naiven Auffassung Deutschlands geprägt: Als sie als Toilettenfrau auf dem Hamburger Hauptbahnhof eingestellt wird, entdeckt sie ein ganzes Hilfesystem für Flüchtlinge, das von ihren Kollegen verwaltet wird. Sie versteht dann, dass ihre Vorstellungen über Deutschland der Realität weit entfernt waren…
Die Rolle der Intermedialität in dieser Graphic Novel fällt sofort auf, wenn man das Buch liest, und bereits im Titel klingt dies an: „German Calender! No December!“ ist ein Motto, das in Olivias Lieblingssendung immer wiederkehrt. Viele unterschiedliche Medien kommen in der ganze Geschichte vor: Olivias Lieblingsbücher werden durch printmediale Textelemente erwähnt, und der Kampf der jungen Studierenden gegen die willkürlichen Bestrafungen der „Seniors“ wird auch mithilfe revolutionärer Parolen ausgedrückt. Plakate, Poster und Briefmarken dienen auch dazu, die Unterschiede zwischen Olivias vorigem Leben in Nigeria und ihrem Alltag in Deutschland zu unterstreichen. Als sie die Postkarten ihrer Freundinnen liest, versteht sie, wie unterschiedlich ihre Lebensweisen jetzt sind.
Die Beziehungen zwischen Bild und Text sind besonders interessant zu beschreiben. Die Bilder illustrieren nicht nur den Text, sondern sie ergänzen ihn auch: Zum Beispiel wird Olivias erster Winter in Hamburg durch Bilder erzählt, die als Fotografien präsentiert werden, als sähe sie der Leser in einem Album. Der Zeichenstil von Birgit Weyhe, der auf vier Farben (grün, rot, weiß und schwarz) basiert, legt den Fokus auf starke Gefühle und Eindrücke: Durch seitengroße Zeichnungen werden die Angst, die Verzweiflung und die Einsamkeit Olivias geschildert, aber auch ihre Entschlossenheit und ihr Mut. Manchmal werden diese komplexen Gefühle als Gegenstände dargestellt, wie ihre Traumata im Internat, die als eine schwarze, blutende Echsen gezeichnet werden.
Diese Graphic Novel lädt uns zu einem Abenteuer der Interkulturalität und der persönlichen Entwicklung ein, während Olivias Gefühle so stark mitgeteilt werden, dass man schließlich den Eindruck hat, mit ihr zwischen Nigeria und Deutschland gereist zu sein. Die Geschichte bespricht darüber hinaus die Schwierigkeiten der Anpassung zu einem neuen Lebensstil, aber auch die schönen Erfahrungen und Begegnungen, die einem zufällig eine zweite Familie geben können. Diesen Eindruck der Wärme vermitteln die Zeichnungen von Birgit Weyhe, die immer die richtige Art und Weise findet, um uns auf der physischen und psychologischen Reise Olivias mitzunehmen.
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